Genre Dystopie – “Es war doch alles gut gemeint …”

„Dystopie? Was ist das denn?“

Noch vor gar nicht langer Zeit war dies die gängige Reaktion, wenn ich mal wieder die Frage „Was schreibst du denn so?“ beantwortete. Doch alles halb so schlimm, denn erstens war ich durch mein anderes Genre Mystery bereits an die fragenden Blicke gewohnt, und zweitens brauchte ich hier keine langen Ausführungen, sondern nur kurze Hinweise. „Sowas wie Die Tribute von Panem“ bei jüngeren oder „Ähnlich wie Brave New World oder 1984“ bei älteren oder klassisch bewanderten Lesern konnte schnell Abhilfe schaffen. 

Heute muss ich die Verbindung in der Regel gar nicht mehr selber herstellen, sie wird von meinen Gesprächspartnern automatisch gemacht. Es mag zwar in der Buchhandlung nach wie vor keine Regale mit der Anschrift „Dystopie“ geben, aber zumindest der Begriff ist vielen Lesern, Autoren und Verlegern inzwischen geläufig.

Doch woher kommt die Dystopie überhaupt? Wie ist das Genre entstanden, und was sind die Kennzeichen? Hier mein Versuch eines kurzen Überblicks. 

Am Anfang war die Utopie

Eines lässt sich gleich zu Anfang feststellen: Die Dystopie und ihre Entstehung sind eng mit der (technischen) Entwicklung der Menschheit und ihren Folgen verknüpft; meiner Meinung nach sogar enger als viele andere Genres.

Begonnen hat alles jedoch mit dem absoluten Gegenteil – der Utopie. Ein Genre geprägt vom Fortschrittsglauben, von der Hoffnung und Zuversicht der Menschen, eine bessere Welt aufbauen zu können. Utopia – wörtlich aus dem Griechischen übersetzt der ‚Nicht-Ort‘ oder das ‚Nirgendwo‘ – steht dabei weniger für einen konkreten Ort als vielmehr für eine ideale neue Gesellschaftsordnung, in der alle Menschen frei und glücklich leben können. Keine Kriege, keine Unterdrückung, keine Klassen, keine Armut – eine bessere Zukunft für alle, sozusagen. Da allerdings schon früh klar wurde, dass eine solche ideale Gesellschaft einfach ‚zu gut ist, um wahr zu sein‘ und sich nie exakt so würde umsetzen lassen, bekam das Wort Utopie zusätzlich die Bedeutung ‚Ideal‘ oder ‚Wunschtraum‘; das literarische Genre wurde zu eine Art ‚gesellschaftlicher Fantasy‘. 

Geschrieben wurden Utopien am Anfang von Staatsmännern, weniger Unterhaltung als vielmehr Anleitungen oder theoretische Abhandlungen – das fiktive ‚Nirgendwo‘ sollte als Anregung für das reale ‚Hier‘ dienen. Das bekannteste Beispiel ist allerdings der erste Roman des Genres: Utopia von Thomas Morus. Ein Buch, das 1516 erschien und von einem Seemann handelt, der seine Erlebnisse auf der fiktiven Insel Utopia und die dortige Gesellschaft beschreibt – ein bisschen im Stile von Gullivers Reisen. Die Insel, das isolierte Paradies, verborgen vor dem Rest der Menschheit, wurde zum Sinnbild des Genres, dem auch spätere Romane wie A Modern Utopia von H. G. Wells, Ecotopia von Ernest Callenbach und Island von Aldous Huxley treu blieben. 

Tief geprägt wurde die Utopie auch vom technischen Fortschritt, der den Menschen das Gefühl gab, alles erreichen zu können. Es erschien möglich, ein Paradies auf Erden zu erschaffen. Doch während der industriellen Revolution traten dann erstmals Zweifel auf. Zu deutlich waren die negativen Folgen wie Armut, Ausbeutung und Zerstörung der Natur – war das alles, was von der ‚schönen neuen Welt‘ zu erwarten war?

Und genau hier wurde das Grundgefühl für ein weiteres Genre geboren – „Es war doch gut gemeint“ oder „Es hätte alles so schön sein können“. Solche Ansätze finden sich bereits in den Werken von E. T. A. Hoffmann, aber als die erste Dystopie im engeren Sinn ist Mary Shelleys Roman Verney, der letzte Mensch (1826) zu verstehen, der durch sein apokalyptisches Setting – die Menschheit wird von einer Seuche bedroht – überraschend modern erscheint. Der eigentliche Ursprung liegt also erneut im englischen Sprachraum, wie schon bei der Utopie. 

Und nicht nur inhaltlich bildet die Dystopie eine Umkehrung ihres Vorgängergenres. Auch die Bezeichnung wurde dem Wort Utopie nachempfunden – ein ‚schlechter Ort‘ (von griechisch dys- = schlecht und tópos = Platz, Stelle) im Vergleich zum idealen, paradiesischen ‚Nirgendwo‘.

Die Erfahrungen mit den beiden Weltkriegen und deren ‚Vernichtungsmaschinerien‘ trugen maßgeblich zum Erstarken des Genres bei, wie auch die negativen Folgen der großen Weltanschauungen Kapitalismus und Kommunismus – die ja ebenfalls als Ideale starteten, geradezu utopische Zustände versprachen und dann schnell ins Negative umschlugen.

Doch obwohl der Begriff Dystopie bereits im 19. Jahrhundert existierte, setzte er sich teilweise nicht sofort durch. Dies merkt man auch daran, dass bekannte frühe Werke des Genres, wie Schöne neue Welt von Aldous Huxley (1932) und 1984 von George Orwell (1949) oft als gesellschaftskritische Romane bezeichnet und vermarktet wurden, nicht als Dystopien.

Später entdeckte die Filmindustrie das neue Genre ebenfalls für sich – man denke zum Beispiel an Minority Report, V für Vendetta, Equilibrium oder die extrem erfolgreiche Matrix Reihe. Doch auch hier fällt der Begriff Dystopie eher selten, die meisten dieser Werke werden nach wie vor als SciFi Filme bezeichnet.

Also doch SciFi? Oder Fantasy?

Selbst Verlage und offizielle Genrelisten tun sich mit der Einordnung schwer. Oft wird die Dystopie als Untergenre von SciFi geführt, mit der Begründung, es ginge ja bei beiden Genres um eine Darstellung der Zukunft. Das ist sicher eine große Gemeinsamkeit, jedoch liegt bei der klassischen SciFi Geschichte der Fokus klar auf der namensgebenden Wissenschaft (Science Fiction), bei der Dystopie mehr auf der Entwicklung der Gesellschaft. Zwar kann Wissenschaft im dystopischen Roman auch eine Rolle spielen – vor allem dann, wenn sie aus guten Absichten Katastrophales erschafft – aber hier liegt der Fokus dann mehr auf dem Ergebnis und den Auswirkungen auf die Gesellschaft, nicht auf den genauen Methoden und neuartigen Technologien.

Andere sehen die Dystopie dagegen als Untergenre der Fantasy, mit der Begründung, dass es ja um eine erfundene Zukunft oder Gegenwart geht, in der oft Menschen mit erstaunlichen Fähigkeiten eine Rolle spielen. Doch diese Fähigkeiten haben in der Dystopie einen ‚erklärbaren‘ Hintergrund wie Experimente, Genmanipulation oder Mutation (auch wenn der Autor diese Erklärungen nicht immer im Detail ausführt), während in der Urban Fantasy Sagenwesen wie Vampire oder Gestaltwandler auftauchen und Fähigkeiten mit Magie erklärt werden. Die Dystopie bemüht sich also, ‚realistisch‘ zu sein, während Fantasy das ‚Unrealistische‘ geradezu voraussetzt.

In letzter Zeit etabliert sich zudem die Bezeichnung Science Fantasy für ein Untergenre, das ebenfalls genau diese Schnittstelle besetzt, und eine Abgrenzung wird zunehmend schwieriger. Für mich kommt es darauf an, wie ein Text geschrieben ist und welchen Schwerpunkt die Autorin bzw. der Autor setzt, oder setzen möchte. Und da alle genannten Genres letztlich Subgenre der Fantastik sind, kann man sich auf jeden Fall immer einig werden, die Dystopie hier einzuordnen – egal, ob man sie nun näher an der Science Fiction oder an der Fantasy sieht.

Was genau ist denn jetzt eine Dystopie?

Wie bereits angesprochen haben dystopische Werke generell eines gemeinsam: einen pessimistischen Blick auf die Zukunft. Sie zeigen eine alternative Gegenwart oder (nahe) Zukunft auf, in der sich alles oder vieles zum Negativen entwickelt hat, vor allem die Gesellschaft an sich.

Doch dabei war nicht immer alles schlecht: oft steht ganz am Anfang der Entwicklung der Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft, nach mehr Sicherheit, größerem Komfort – oder auch ganz einfach nach Rettung und Überleben. Die zu diesem Zweck von einer Person oder einer Gruppe entwickelten Strategien klingen in der Theorie auch logisch und vielversprechend, scheitern dann aber an der Realität und vor allem am typisch menschlichen Verhalten.

So wird aus der gerechteren Gesellschaft eine überregulierte Zwangsstruktur, der Ruf nach mehr Sicherheit endet in der Errichtung einer Diktatur. Und über kurz oder lang regt sich der Wunsch nach Ausbruch aus diesem System, der dann natürlich zu dessen Erhaltung gewaltsam unterdrückt werden muss.

Katastrophen oder Kriege, diktatorische Strukturen, ein Schichtensystem mit Ausgrenzung oder gar Vernichtung ‚minderwertiger‘ Gruppen, neue und radikal genutzte wissenschaftliche Möglichkeiten, aber auch die Folgen von Industrialisierung und Technisierung – all das sind häufige Facetten.

Große Chance, großes Problem?

Während die Dystopie historisch betrachtet ein anspruchsvolles Genre für erwachsene Leser war und dadurch eher wenig Beachtung fand, konnte sie sich in den letzten Jahren im Young Adult Bereich etablieren. Serien wie Die Tribute von Panem, Divergent – Die Bestimmung oder Maze Runner wurden nicht nur von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen verschlungen, sondern auch für Hollywood verfilmt.

Und es ist offensichtlich, warum gerade dieses Genre junge Erwachsene und Jugendliche so anspricht: das große Thema in der Pubertät und beim Heranwachsen ist die Abgrenzung, die Rebellion gegen die Erwachsenen und die Gesellschaft, und die Schaffung einer eigenen Identität – ein Konflikt, den der Kampf von jugendlichen Helden gegen ein korruptes und ungerechtes System gut widerspiegelt. 

Allerdings lauert in dieser großen Chance für das Genre auch eine große Gefahr. Und damit meine ich nicht primär, dass viele erwachsene Leser die Dystopie verstärkt als ein Jugendbuchgenre wahrnehmen, das ihren Ansprüchen im Punkto Komplexität und Figurenentwicklung nicht ganz genügt und daher von ihnen ignoriert wird.

Nein, ein weit größeres Problem liegt darin, dass es in den Geschichten selbst zu einer Verschiebung der Prioritäten kommt, die die Genrezugehörigkeit in Frage stellt. Wie in jedem Young Adult Werk bildet die Romantik einen wichtigen Bestandteil, oft sogar den Fokus der Handlung. Das ist ja an sich nichts Schlimmes, aber dadurch rutscht die Rebellion in den Hintergrund, die Gesellschaftskritik auch. Die Dystopie zeigt sich nur noch im Setting, nicht mehr im (Haupt-)Plot.

Dies führt so weit, dass sich Verfasser von Dystopien im klassischen Sinne zunehmend absichern und ihre Werke als ‚düster‘ oder ‚für Erwachsene‘ bezeichnen müssen, oder gar von Verlagen abgelehnt werden, weil ihre Story keine oder nur wenige romantische Szenen enthält.

Ich möchte damit nicht sagen, dass Romantik in einer Dystopie generell nichts zu suchen hat. Als Nebenhandlung hat sie durchaus ihren Reiz und ihre Berechtigung, das ist unbestritten. Aber die Dystopie in eine weitere Variante von ‚Young Adult Romance‘ zu verwandeln hieße, die großen Chancen zu opfern, die gerade dieses Genre in gerade unserer Zeit zu bieten hat. Nämlich die Möglichkeit, auf Missstände in unserer Gesellschaft hinzuweisen und eine Warnung auszusprechen, wohin wir uns entwickeln könnten, wenn alles so weiterläuft. Dieses so wichtige Kennzeichen des Genres muss auch der Mittelpunkt bleiben, damit die Dystopie nicht zu einer dystopischen Version ihrer selbst wird.

Doch auch die Entwickungen der heutigen Zeit stellen die Dystopie vor ein Problem. Als Schriftsteller:in will man Dystopien schreiben, nicht erleben. Doch nach der Machtübernahme und Regierungszeit von Donald Trump, den neuesten Entwirklunge in China hin zum technisierten Überwachungsstaat und dem ausbruch einer weltweiten Pandemie stellen sich drängende Fragen: Was, wenn die Realität den „besseren“ Plot hat? Wenn sie unsere Ideen nicht nur ein- sondern überholt? Und will man überhaupt noch negative Zukunftsaussichten lesen, wenn man die bereits jeden Tag in den Medien sieht/liest und die Gegenwart beängstigend genug ist?

Und was mit mit der Angst, falsch verstanden zu werden? Was, wenn Verschwörungstheoretiker, Regierungskritiker und Skeptiker einen dystopischen Text als Bestätigung ihrer Ideen und Ideologien heranziehen? Wenn sie in den Verfasser:innen der Texte Kompliz:innen mit derselben Weltanschauung sehen, obwohl man genau das Gegenteil ausdrücken wollte?

Zugegeben, die Angst ist da. Sowohl vor der Missinterpretation, als auch vor der Tatsache, dass heute niemand mehr Dystopien lesen will. Und trotzdem werde ich meine geplanten Projekte umsetzen – weil es gute Geschichten sind, die erzählt werden wollen. Und weil ich darauf vertraue, dass gute Geschichten immer ihr Publikum finden werden.


Eine ursprüngliche Version dieses Artikel erschien 2017 im Schreibmeer Autorenblog.

Alle Bilder von pixabay

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