A Deeper Shade of GREEN – “Fenster und Spiegel”

1fdb40230afc2dca32f4edbd93aeab96Nachdem ich es bei Blau relativ leicht hatte, weil die Geschichte bereits als kleine Szenen-Skizze existierte, musste ich bei Grün wieder ganz von vorne anfangen – mit einer ersten Szene, einem ersten Satz. Doch eine ganz konkrete Idee dafür hatte ich diesmal relativ schnell.

Die Farbe Grün steht ja für viele Menschen für das Leben und die Natur. Darüber hinaus gab es eine sehr zentrale Figur in einem meiner Romanprojekte, die grüne Augen hatte. Und zwar ziemlich auffällige.

Meine Idee war also, die Backstory zu diesen grünen Augen zu erzählen. Denn die hatten – Überraschung! – nicht immer diese spezielle Farbe.

Das Projekt hinter der Geschichte ist übrigens im Genre Dystopie angesiedelt, was sicher auch ein bisschen mitschwingt, aber nicht im Mittelpunkt steht. Dafür geht es um eine zentrale Frage, die auch im Roman eine wichtige Rolle spielt: Wer bin ich? Oder anders formuliert: Was macht mich aus?


Erst mal ein paar Eckdaten:flowers-1037624_960_720

Titel: Fenster und Spiegel

Genre: Suspense/Dystopie

Themen/Stichworte: Identität, Neustart, Veränderung

Länge:  10 Seiten

Tagline: Man sagt, Augen seien die Fenster zur Seele.

Pitch: Bevor Jaden nach vorne schauen kann, muss er noch einmal zurücksehen und sich fragen, ob er die richtigen Entscheidungen getroffen hat.


Was ist denn das für ein Titel?

Ein sehr passender. Das glaubt ihr nicht? Dann lasst mich erklären.

raindrops-1127223_960_720In allererster Linie geht es in der Geschichte um die simple (und gleichzeitig gar nicht so einfache) Frage “Wer bin ich eigentlich?” bzw. “Was macht mich aus?”

Für viele Leute spielen dabei die Augen eine wichtige Rolle. Wenn wir jemanden beschreiben sollen, erwähnen wir immer zuerst die Haar- und Augenfarbe; auch im Personalausweis ist letztere als Kennzeichen eingetragen.

Darüber hinaus sind wir oft überzeugt, in den Augen des anderen lesen, also etwas über dessen Persönlichkeit, Stimmung und Einstellung erfahren zu können.

Daher gibt es auch den schönen Satz “Die Augen sind die Fenster zur Seele.”, eine Aussage, die auch dem Erzähler meiner Geschichte geläufig ist:

Man sagt, die Augen seien die Fenster zur Seele. Was aber, wenn sie nur eine Tarnung sind? Eine bunte Fassade, um die Dunkelheit, die Leere dahinter zu verstecken?

Doch nachdem ich diese Passage geschrieben hatte und eigentlich recht zufrieden war, kamen mir plötzlich Zweifel. Heisst es denn wirklich “Fenster zur Seele”? Nicht “Spiegel der Seele”? Eine kurze Recherche per Google später wusste ich, dass es beide Ausdrücke gab. Welcher war wohl der bekanntere? Oder der bessere? Ich probierte ein bisschen herum, doch am Ende entschloss ich mich, einfach beide Formulierungen zu verwenden.

Und so bemerkt der Erzähler zu einem späteren Zeitpunkt:leaf-1030870_1280

Man sagt, Augen seien die Spiegel der Seele. Habe ich überhaupt noch eine Seele? Wenn ich das Alte nicht mehr bin, aber auch noch nicht das Neue, was bin ich dann? Was zeigt ein leerer Spiegel?

Augen sind hier also (metaphorisch) Fenster und Spiegel zugleich; jedes der beiden Bilder hat seinen eigenen Reiz, wenn man darüber nachdenkt.

Daneben kommen aber auch ‘reale’ Fenster und Spiegel in der Geschichte vor, und das stets an Schlüsselmomenten. Die Fenster mit den Bäumen davor, als der Erzähler (ver)zweifelt, aber auch, als er einen Entschluss fasst. Und der Spiegel am Ende, als er sich zum ersten Mal mit seinem neuen Ich versöhnt.


Wer ist eigentlich der Erzähler?

water-plant-821293_1280Interessanterweise ist es anhand der Geschichte fast einfacher zu sagen, wer er nicht ist.

Dies schwingt schon mit, als zum ersten Mal sein Name erwähnt wird:

Ein anerkennendes Nicken. „Brillant, Mr Mercier.“

„Jaden. Nennen Sie mich doch bitte Jaden.“

Es ist – wohl mit Absicht – keine Feststellung (“Mein Name ist/Ich heisse ….”), sondern eine Aufforderung (“Nennen Sie mich so.”), bei der strenggenommen offen bleibt, ob es sich um seinen richtigen Namen handelt oder nicht.

Falls dies beim Leser bereits Zweifel ausgelöst hat, werden diese später bei der Erinnerung an die Hinreise im Zug bestätigt:

„Ich heisse Jaden.“ Der Satz kommt leicht von meinen Lippen, obwohl sich die Worte in meinem Mund immer noch fremd anfühlen, unförmig und kalt wie Kieselsteine.

Und nur wenig später erfahren wir auch, dass es um weit mehr geht als nur einen ‘falschen’ Namen:

Das ist nicht mehr Jadens Leben, sondern meins. Ich bin Jaden, und mein Leben hängt davon ab, dass ich keinen Fehler mache. Nicht den geringsten.

originalEs wird immer klarer, dass der Erzähler nicht Jaden Mercier ist, sondern lediglich dessen Namen und Identität übernommen hat. Dies scheint noch nicht allzu lange her zu sein, was man daran sieht, dass er fortwährend die ‘Fakten’ – also Details und Informationen aus Jadens Leben – wiederholt und dabei gelegentlich noch kleine Fehler macht. Aus diese so unscheinbaren Irrtümer reagiert er dann jedes Mal mit Panik, da er sich wahrscheinlich bewusst ist, dass ein kleiner Fehler genügen würde, um ihn zu verraten.

Und obwohl wir die genauen Hintergründe für diesen Identitätswechsel nie erfahren, erhalten wir doch einen Hinweis darauf, was eine Entdeckung für den Erzähler bedeuten würde:

Ich bin schon so oft gestorben. Welchen Unterschied macht es, wenn es diesmal für immer ist?

leaves-829513_1280Alles in allem erfahren also viele Details über Jaden Mercier – zum Beispiel, dass er ein Einzelkind war, welchem Beruf er nachging und woran seine Mutter verstorben ist – aber nur sehr wenige über die Person, die der Erzähler vorher war. Fast alle Informationen dazu muss man zwischen den Zeilen zusammensuchen. So können wir annehmen, dass er wohl (jüngere) Geschwister hat – obwohl er dies offiziell verneinen muss, da Jaden ein Einzelkind ist – dass er ein schwieriges Verhältnis mit seinem Vater hatte und dass er irgendwo auf dem Land aufgewachsen ist.

Doch jetzt ist da das dichte Grün vor dem Fenster, das mich an meine Kindheit erinnert. Meine wirkliche Kindheit. Auch ein Meer, aber eines aus Blättern. Und da ist dieser Mann neben mir, der mehr Vater ist, als es meiner jemals war.

Sehr wahrscheinlich war er auf einer Militärakademie, und sehr wahrscheinlich nicht – wie Jaden – nur als Küchenhilfe, was man daran erkennt, dass er das offizielle Motto dieser Akademie geradezu automatisch wiedergeben kann, und wie panisch er auf diesen ‘Fehler’ reagiert. Hier müssen sich auch die Wege der beiden gekreuzt haben, aber warum und wie bleibt ein Geheimnis.


Wie definiert man ‘Identität’?

dandelion-1737324_1280Dass das ‘Übernehmen’ einer fremden Identität alles andere als ein Kinderspiel ist, wird in der Geschichte mehrfach deutlich.

Der Erzähler ist stets angespannt und kontrolliert alle seine Aussagen mehrfach, um bloss keinen Fehler zu machen, der ihn verraten könnte. Selbst die harmlose Frage nach den Geschwistern oder eine simple Routinekontrolle reichen aus, um ihn in Panik zu versetzen.

Und aller Mühe, aller Perfektion zum Trotz wird auf dem Höhepunkt der Geschichte deutlich, dass ‘Jaden’ unter einem Identitätsverlust leidet:

Wenn ich das Alte nicht mehr bin, aber auch noch nicht das Neue, was bin ich dann? Was zeigt ein leerer Spiegel?

Es weiss, dass er ohne die ‘Tarnidentität’ verloren wäre, kann sich aber nicht damit abfinden.

Ich bin nicht Jaden Mercier. Ich trage diese Identität wie einen Mantel, der mich vor der Kälte schützen soll, und vor den erbarmungslosen Blicken. Doch der Mantel drückt schwer auf meine Schultern. Er passt nicht.

green-675840_1280Aber wenn ich ihn fallen lasse, habe ich gar nichts mehr. Dann bin ich nackt. Frierend, verwundbar. Diese behelfsmässige Hülle ist alles, was ich habe. Dieses fremde Ich. Es gibt sonst nichts mehr. Mein eigenes Ich ist tot. Erschlagen, erfroren, verblutet.

Wer bin ich? Wer zur Hölle bin ich?

Eine prägnante Frage, die uns überlegen lässt, was genau eigentlich unsere Identität ausmacht. Die Summe unserer Erinnerungen und Erfahrungen? Details wie Anzahl der Geschwister, Geburtsort, Name und Augenfarbe? Oder etwas ganz anderes?


Die Farbe Grün

green-1072828_1280Bei nahezu keiner anderen Farbspielgeschichte wird die betreffende Farbe so prominent direkt am Anfang hervorgehoben:

„Und an welche Farbe hätten Sie gedacht?“

Wenn ich an ihm vorbeischaue, kann ich durch das Fenster die Bäume sehen. Die Zweige schwingen sanft im Wind, das Sonnenlicht blinzelt nur hin und wieder durch die dichten Blätter.

„Grün“, antworte ich.

„Grün“, wiederholt er.

Noch bevor das Wort ‘Grün’ fällt – und das gleich zweimal, wie zur Betonung – haben sowohl der Erzähler als auch der Leser bereits etwas Grünes vor Augen, nämlich die Bäume und die Blätter vor dem Fenster.

cats-eye-1407865_1280Wir erfahren auch sofort, dass der Erzähler seine Augenfarbe ändern möchte, aber die Frage nach dem Anlass für diese Entscheidung bleibt wie viele andere offen. Die Antwort auf die Frage, warum es ausgerechnet Grün sein muss, wird dagegen zumindest angedeutet:

Doch stattdessen rückt er seine Brille zurecht und sieht mich nachdenklich an. „Reines Grün ist die seltenste aller Augenfarben. Weniger als 2%. Nicht gerade unauffällig.“

„Und 90% der Bevölkerung haben braune Augen. Ich weiss. Aber die beste Tarnung ist manchmal nicht die Unauffälligkeit, sondern das exakte Gegenteil. Jemand, der auffällt, kann unmöglich etwas zu verbergen haben.“

Er versteht mich. Da ist ein Leuten in seinem Blick. „Manchmal ist das beste Versteck das in unmittelbarer Nähe des Suchenden. Weil man sich sicher ist, dort nicht nachsehen zu müssen.“

„Weil es unmöglich sein kann, dass das Gesuchte so nahe ist. Man hätte es doch gemerkt.“

Ein ziemlich ungewöhnlicher Grund, der zunächst widersprüchlich wirkt, aber beim Nachdenken doch Sinn ergibt. Doch ist das wirklich schon alles?

ar-16619-2Mehrfach bekommen wir den Eindruck, dass der Erzähler eine tiefe Beziehung zur Farbe Grün hat. Er erwähnt mehrfach die Blätter vor dem Fenster, als würden ihm diese besonders auffallen, und hebt auch die Farbe des Plüschtiers des kleinen Jungen im Zug hervor. Offensichtlich besteht eine Verbindung zu seiner Kindheit – und damit vielleicht zu schönen Erinnerungen – wie wir später erfahren:

Doch jetzt ist da das dichte Grün vor dem Fenster, das mich an meine Kindheit erinnert. Meine wirkliche Kindheit.

So ist es auch im Moment seiner tiefsten Verzweiflung der Geruch von Regen und nassen Blättern (also eventuell der Geruch von ‘Grün’), der ihn wieder auf den Boden bringt.

Abstrakt betrachtet steht das Grün in der Geschichte zudem für zwei gegensätzliche Konzepte. Zum einen für die Natur (Bäume, Blätter), zum anderen für die Technik (künstlich veränderte/erzeugte Augenfarbe).

grass-2005927_960_720Auch meine persönliche Lieblingsfarbe Blau hat wieder einen kurzen “Gastauftritt”: Interessanterweise vergleicht der Erzähler das echte blaue Meer mit dem grünen ‘Blättermeer’ aus seiner eigenen Kindheit.

Da nur sehr wenige Verbindungen zwischen seiner alten und neuen Identität bestehen, scheint der Erzähler bewusst zu versuchen, solche zu erschaffen, um sich in seiner Rolle besser zurecht zu finden.


Ende – und Anfang?

Ähnlich wie bei Weiss ist das Ende dieser Kurzgeschichte gleichzeitig der Anfang von etwas Neuem. Es scheint, als sei der Erzähler endlich angekommen, als könne er sich jetzt zum ersten Mal mit seinem neuen Ich identifizieren.

Ob und wie gut ihm das auf Dauer gelingt, bleibt natürlich abzuwarten. Und auch, welche Konflikte sich in Zukunft noch ergeben werden …


Bonus: Soundtrack

Da ich meine Szenen oft wie kleine Filmsequenzen vor meinem inneren Auge sehe, und da nichtsgreen-976240_1280 Stimmung besser transportiert als Musik, gibt es eigentlich für jedes noch so kleine Projekt eine Soundtrackliste.

Das eigentliche Lied, das ich mit dieser Geschichte in Verbindung bringe, kann im Moment leider nicht auf den gängigen Downloadplattformen gefunden werden, da nur eine Demo-Version existiert:

Sia, “Black and Blue”

(Ja, dem Titel nach geht es hier um Schwarz und Blau, nicht um Grün 😉 Trotzdem passt es ausgezeichnet zu Jadens Situation und Stimmung.)

Als Alternative gibt es noch

Shura, “Make it up”


Dir ist noch etwas aufgefallen? Du möchtest von einer eigenen Geschichte erzählen? Du hast eine ganz andere Interpretation, oder eine Frage? Toll, dann schreib mir doch einen Kommentar. Ich würde mich freuen 🙂


Hier gehts zurück zur Übersicht.


Quellen der verwendeten Bilder:

Zitat am Anfang: http://www.behappy.me
Plüschkrokodil: www.stuffedsafari.com
alles andere: pixabay

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