A Deeper Shade of BLUE – “Tiefe Wasser”

wave-1215449_960_720If it’s drowning you’re after, don’t torment yourself with shallow water.

-Irisches Sprichwort

Es ist soweit. Diesmal geht es um meine ganz persönliche Lieblingsfarbe – blau 🙂

Im Vergleich zu meinem sehr langen Violett Beitrag wird dieser um einiges kürzer ausfallen. Das liegt aber nicht daran, dass Tiefe Wasser eine oberflächlichere Geschichte ist. Das auf keinen Fall. Aber es ein Text, der sich beim Lesen sehr stark selbst enthüllt, und bei dem man nicht mehr viel hinzufügen muss. Trotzdem gibt es natürlich auch hier ein paar kleine Details, die ich mit euch teilen möchte.

Und halt – bevor ihr weiterlest, muss ich eine SPOILER WARNUNG aussprechen. Klar, in allen meinen Farbspiel-Posts spreche ich über Dinge, die der Leser erst im Verlauf der Geschichte erfährt, und in den meisten Fällen erwähne ich auch das Ende. Doch gerade bei dieser Geschichte wäre es fatal, wenn man den Ausgang bereits kennen würde, bevor man anfängt zu lesen. Damit ginge wirklich einiges an Wirkung verloren, glaubt mir. Aus diesem Grund empfehle ich vor allem den letzten Punkt (“Warum dieses Ende?”) nur für diejenigen, die bereits wissen, wie alles ausgeht.


Erst mal ein paar Eckdaten:abstract-19175_960_720

Titel: Tiefe Wasser

Genre: Historical Fantasy/Suspense/ (Gay Romance)

Themen/Stichworte: Zufall, Treffen, Faszination, Geheimnisse.

Länge:  10 Seiten

Tagline: Manche Wasser sind tiefer, als man glaubt.

Pitch: Wieder einmal auf der Suche nach Vergnügen und Ablenkung macht Stadtwächter Daniel Cole eine vielversprechende Bekanntschaft; doch dann nimmt der Abend eine Wendung, die er nicht vorausgesehen hat.


Woher kommt die Idee?

rain-drops-926583_1280Tiefe Wasser ist die einzige Geschichte in der Farbspiel Reihe, die ich nicht extra für diese Serie geschrieben oder zumindest massiv überarbeitet und abgeändert habe. Entstanden ist dieser Text nämlich ursprünglich für mein Romanprojekt Blut und Regen, zunächst als reine Charakterstudie. Eine kleine Szenenskizze, um die ‘dunklere Seite’ einer meiner Figuren zu beleuchten, die ich bis dahin eher harmlos beschrieben hatte. Bei der Skizze blieb es jedoch nicht, irgendwie war die Szene so deutlich, so präsent, dass ich sie komplett festhalten musste.

Beim Schreiben fühlte es sich dann richtig an, von der ‘er’ in die ‘ich’ Perspektive zu wechseln – und so entstand eine ziemlich eigenständige Geschichte, die ich aber zunächst nur im Ordner für das Romanprojekt abspeicherte. Erst als ich mit den ersten Beiträgen für die Farbspiel-Serie anfing, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich für ‘Blau’ bereits eine Geschichte hatte.


Wer genau sind die beiden Figuren?

peacock-816981_1280Zunächst einmal verkörpern die beiden den Zusammenstoss zweier ganz verschiedener Welten. Ein angesehener, bestens integrierter Stadtwächter und ein Fremder von ausserhalb. Ein Mann von Stand (zumindest aus seiner Sicht) und jemand, der der keinen solchen hat. Allein das wäre schon ein Garant für Spannungen, die jedoch durch die verschiedenen Persönlichkeiten der beiden noch verstärkt werden.

Seien wir ehrlich: Daniel ist nicht gerade ein Sympathieträger, oder? Für mich war es sehr interessant, einmal eine Geschichte aus der Sicht einer Figur zu schreiben, mit der sich der Leser nicht unbedingt identifizieren möchte. Klar, er ist kein Psychopath oder Mörder, aber ein ziemlicher Egoist, den die Gefühle von anderen Menschen nicht wirklich interessieren und dem jedes Mittel recht ist, um zu bekommen, was er möchte.bird-386725_1280

Rayn dagegen wirkt auf den ersten Blick so, als könne er wenig entgegensetzen. Ein flüchtiger Beobachter würde ihn – genau wie Daniel – als nicht sehr bedrohlich einstufen. Und doch hat man beim Lesen schnell den Eindruck, dass sich mehr hinter der ‘hübschen Fassade’ verbirgt. Die Art wie er spricht, wie er sich nicht beeindrucken lässt – sein ganzes Verhaltet deutet in Richtung der sprichwörtlichen ‘tiefen Wasser’ aus dem Titel.

Dazu kommt auch, dass wir als Leser einen unterschiedlich Einblick in die beiden Figuren bekommen: Bei Rayn gibt es recht ausführliche (und teilweise wiederholte) Beschreibungen seines Aussehens, was natürlich daran liegt, dass wir die Geschichte durch Daniels Augen erleben, und dass es die Äusserlichkeiten sind, die ihm zu allererst auffallen und die ihn anziehen. Sich selbst beschreibt er natürlich nicht, dafür erfahren wir aber einiges über seinen Hintergrund und  seine Absichten, während wir uns bei Rayn alles selbst zusammensuchen und zusammenreimen müssen.


Vom Himmel zum Wasser

Hier muss ich auch mal ein Wort über das Buchcover verlieren. Alle Farbspiel-Bände des Karina Verlags haben grundsätzlich toll gemachte Cover, bei denen man immer mehr Details findet, je länger man hinsieht. Bei Blau erkennt man nicht nur Wasser, sondern auch ein Auge – zwei Details, die in meiner Geschichte eine grosse Rolle spielen.

construction-200848_960_720So sind es die ungewöhnlichen Augen, die Daniel, dem Erzähler, an dem neu hinzugekommen Fremden zu allererst auffallen:

Und dann die Augen. Diese Augen. Es ist nur ein Moment gewesen – ein kurzer Blick in die Runde, der mich leider bloß gestreift hat wie alle übrigen Gäste auch – aber er hat vollkommen ausgereicht. Noch nie zuvor habe ich so ein leuchtendes Blau gesehen.

Immer wieder erwähnt er dieses für ihn höchst faszinierende Merkmal seines Gegenübers, und etwa in der Mitte der Geschichte taucht dabei auch zum ersten Mal ein Vergleich mit Wasser auf:

Ein perfekter Sommerhimmel, gespiegelt in einem klaren See.

Später, am Höhepunkt der Geschichte und bevor die Ereignisse eine unerwartete Wendung nehmen, steht eine Erinnerung, die in eine ähnliche Richtung geht:

Warum muss ich plötzlich an den tiefen See meiner Kindheit denken?

Es führt also eine Art ‘Linie’ vom Blau der Augen zum See aus der Kindheit. Ein fliessender dock-1365387_1280Übergang vom Himmel zum Wasser zum See, oder von einem (symbolisch) sehr positiv besetzten Bild (Himmel) zu einem positiv/neutralen (Wasser) zu einem eher bedrohlichen (ein tiefer See). Genauso ändert sich auch der Ton der Geschichte und das Verhältnis von Daniel und Rayn – aus einem eher unbeholfenen und zunächst harmlosen Flirtversuch wird eine handfeste Erpressung und später sogar noch mehr.

Interessanterweise wird das Bild vom See auch von Rayn zu einem sehr frühen Zeitpunkt verwendet:

“Man springt nicht einfach so ins Wasser, wenn man den See nicht kennt, garda.“

Eine Warnung, die Daniel aber anscheinend weder verstehen kann noch will.


Warum dieses Ende?

Am Ende steht noch einmal ein Bild: Die Dunkelheit schlägt über Daniel zusammen wie die Wellen des Sees, an den er sich zuletzt erinnert hat. Die Geschichte endet also mit seinem Tod, etwas, dass man bei einem ‘ich’ Erzähler eher nicht erwartet.

Man kann nun dieses Ende einfach als unerwartete Wende sehen – und somit als überraschenden Abschluss – oder, da es sich ja um einen Mord handelt, als Ausgangspunkt für eigene Nachforschungen: Wie kommt es dazu? Was war das Motiv?

material-428579_1280Wenn man davon ausgeht, dass Rayn durchdacht handelt und nicht aus dem Affekt heraus, dass er kein psychopathischer Mörder ist, der aus Spass tötet, sondern jemand, der aus einem bestimmten Grund handelt, dann ist diese Frage durchaus berechtigt.

Es gibt mehrere Möglichkeiten, sie zu beantworten, und der Schlüssel dazu liegt in einer anderen Frage: Wann genau entscheidet Rayn, dass Daniel sterben muss?

Eine Möglichkeit wäre, dass er dies über längere Zeit geplant hatte, dass er bereits mit dieser Absicht ins Gasthaus kam. Dafür spricht, dass Daniel erwähnt, des Öfteren hier zu sein, und dass er einen bestimmten ‘Typ’ für seine ‘Vergnügungen’ bevorzuge. Es wäre also einfach gewesen, ihn so in eine Fall zu locken. Dagegen spricht allerdings Rayns Ablehnung. Er macht ja am Anfang mehrfach klar, dass er Daniel am liebsten nur loswerden möchte. Klar, auch das könnte kalkuliert sein (Daniel ist ja niemand, der sich so einfach abweisen lässt), wäre aber ein ziemliches Risiko.

Eine andere Variante wäre, das es gerade dieses ‘Nichtlockerlassen’ ist, das Rayn schliesslich zu seinem Entschluss bringt. Dass Daniel ihm auch noch sein Schmuckstück wegnimmt und ihn dann zu erpressen versucht, ist vielleicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Zumindest gibt es nichts, was eindeutig gegen diese Theorie spricht.

mist-1659115_960_720Ausser natürlich die hohe Wahrscheinlichkeit der dritten Möglichkeit. Als die beiden vor der Türe diskutieren, ändert sich Rayns Haltung von einem Moment auf den nächsten. War er eben noch konfrontativ („Gib es zurück.“), zeigt er sich im nächsten Moment überraschend kompromissbereit („Oder Ihr vergesst das ganze großzügig, wie der Ehrenmann, der Ihr seid, wenn ich Euch dafür etwas entgegen komme?“). Eine unerwartete Wendung? Nun, entscheidend ist, was dazwischen geschieht. Und das ist eine zunächst unbedeutend scheinende Entdeckung: Daniel bemerkt zufällig eine Gravur auf dem Schmuckstück.

Er beobachtet jede meiner Bewegungen, wie er es schon die ganze Zeit getan hat, doch etwas hat sich verändert. Seine Haltung, sein Blick – als habe er gerade eben eine Entscheidung getroffen. Der Fluss wurde überquert, die Würfel sind gefallen.

Rayn scheint also bemerkt zu haben, dass Daniel etwas gesehen hat, und reagiert darauf. Obwohl er nicht weiss, nicht wissen kann, wie Daniel das ganze einschätzt, reicht allein die Tatsache, um ihn zu einer Entscheidung zu bewegen. Sehr wahrscheinlich ist es dieser Moment, in dem ihm klar wird, dass der Stadtwächter sterben muss.


Und was soll das mit dem Lied?

birds-800671_1280Und für die, die sich jetzt fragen, was an dieser Entdeckung so schlimm ist, dass ein Mord gerechtfertigt ist – es gibt da ein paar kleine Hinweise im Text, dass mehr hinter dem Schmuckstück stecken könnte als ein simpler Diebstahl.

Der wichtigste Hinweis ist erneut ein scheinbar unwichtiges Detail: das Lied.

Gerade jetzt beginnt das betrunkene Gesindel an der Bar, lauthals ein Lied anzustimmen. Eine dieser furchtbar romantischen Schnulzen, an deren Titel ich mich nie erinnern kann. Meiner Verlobten hätte es gefallen, er dagegen scheint es ebenso wenig zu schätzen wie ich. Für einen Moment starrt er an mir vorbei ins Leere, dann verzieht er das Gesicht, steht ohne ein Wort auf und geht in Richtung Türe, ohne sich noch einmal umzusehen.

door-196114_1280Während Daniel das Ganze als “Schnulze” abtut und ihm keine Bedeutung bemisst, ist Rayns Reaktion eher negativ. Später kommt er dann aus heiterem Himmel wieder auf dieses Lied zu sprechen, und erwähnt dabei wie beiläufig:

„Das ist es, was die Leute glauben. Ein romantisches Lied über einen jungen Mann, der für seine Angebetete alle Sterne vom Himmel holt, nur weil ihr deren Licht nicht gefällt. (..) Aber was, wenn das nur ein Bild ist? Wenn das Lied in Wahrheit von etwas ganz anderem handelt? Manipulation, Machtgier, Mord?“

Man kann hier durchaus einiges zwischen den Zeilen lesen 🙂 Komplett enthüllen möchte ich jedoch die Hintergründe (noch) nicht, da es zum einen eine weitere Farbspielgeschichte gibt, die mit diesem Geheimnis in Zusammenhang steht, zum anderen irgendwann in der Zukunft auch einen Roman – wenn alles so läuft, wie geplant.


guitar-1362203_1280Bonus: Soundtrack

Da ich meine Szenen oft wie kleine Filmsequenzen vor meinem inneren Auge sehe, und da nichts Stimmung besser transportiert als Musik, gibt es eigentlich für jedes noch so kleine Projekt eine Soundtrackliste.

Auch hier gibt es ein Lied, dass für mich einfach zur Geschichte passt, vor allem zur generellen Stimmung und den ‘Absichten’:

XOV, Animal


Dir ist noch etwas aufgefallen? Du möchtest von einer eigenen Geschichte erzählen? Du hast eine ganz andere Interpretation, oder eine Frage? Toll, dann schreib mir doch einen Kommentar. Ich würde mich freuen 🙂


Hier gehts zurück zur Übersicht.


Quellen der verwendeten Bilder:
pixabay

2 thoughts on “A Deeper Shade of BLUE – “Tiefe Wasser”

  1. Blau ist auch eine meiner Lieblingsfarben. Sie strahlt etwas Klares und Warmes aus, hat aber gleichzeitig etwas Unnahbares.
    Da ich die Kurzgeschichte ja schon kenne, kann ich sagen, dass sie von allen Farbspielgeschichten bisher den kriminalistischsten Ansatz hat. Auch wenn natürlich niemand ermittelt. Aber man rätselt ja irgendwie mit und will wissen, was und wieso und weshalb. Daher gefällt mir die Wendung am Ende auch sehr gut. Noch besser, da ich ja ein wenig den Hintergrund für Rayns Tat kenne. Es stört mich daher eher wenig, dass Daniel, nun ja, … zum Opfer wird. Kommt natürlich auch daher, dass er wirklich nicht sympathisch ist. Welcher verlobte Mann betrügt seine Frau mit einem jungen Kerl? Also echt. Das wird moralisch gleich mal abgelehnt. Absolut ein No-Go! (Und ja, ich weiß, dass es ein historisches Szenario ist und das schon realistisch ist, aber deshalb muss ich Daniel ja nicht mögen).
    Ich hoffe, “Tiefe Wasser” findet viele Leser!
    +Mika+

    Liked by 1 person

  2. Zwischen den heute stündlichen Schneegestöber leuchtet der Himmel noch blauer als sonst. Und nun kommt, kaum wieder vom Spaziergang im Schnee daheim, diese so wunderschön illustrierte Überraschung: wieder eine der von mir so geliebten Farbspielgeschichten. Und das auch noch (ich traue es mir ja kaum zu sagen, aber Du weißt es ja bereits aus einem meiner früheren Kommentaren – dass eben Blau auch meine Lieblingsfarbe ist! Das kommt auch wohl daher, dass ich Jahre meines Lebens auf dem Meer und unter einem manchmal gnadenlosen Himmel verbracht habe. So kenne ich alle Schattierungen und Färbungen sowohl des Meeres wie auch des Himmels. Tiefe Wasser als Symbol der Unergründlichkeit, und der überspannende Himmel der Unendlichkeit. Ich möchte hierzu gerne ein Zitat von A. Camus aus ‘Hochzeit des Lichts beifügen

    ‘…… Ich verspiele hier mein Leben – ein Leben das nach heißen Kieseln schmeckt und sich betäubt am Branden des Meeres, am Geschrill der Grillen. Die Brise ist frisch, der Himmel ist blau, ich liebe dieses Leben von ganzem Herzen und ich will frei von ihm reden: Ich danke ihm den Stolz ein Mensch zu sein. Und doch hat man mich oft gefragt, worauf ich denn stolz sei. Worauf? Auf die Sonne und dieses Meer, auf mein überströmendes Herz, auf meinen salzigen Leib und diese unermessliche Pracht aus Glanz und Glück, aus gelb und blau. Ich muss all meine Kräfte aufbieten, um dieser Fülle standzuhalten. Alles hier lässt mich gelten, wie ich bin. Ich gebe nichts von mir auf und brauche keine Maske: Es genügt mir dass ich die schwierige Wissenschaft lerne: zu leben – die so viel wichtiger ist, als all die Lebenskunst der Anderen. ….’ (Zitat Ende)

    Wieder ist es Dir ausgezeichnet gelungen, den Hintergrund Deiner Farbspiel-Geschichte erschöpfend darzustellen, so gut, dass ja kaum Fragen übrig bleiben. Außer: Man wird geradezu angezogen, diese Geschichte nun wirklich zu lesen. Denn wie es so aussieht, werden dann keine Fragen mehr offen bleiben. Dank deinem Schreibtalent, subtiles Fühlen und Denken deiner Prota- wie auch Antagonisten sehr feinsinnig darzustellen.

    Liebe Grüße
    Roland

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