Leseprobe aus “Wie eine weisse Leinwand” (Farbspiel Weiss)

creative-361103_960_720Frag mich nicht, wie lange ich einfach nur dasaß und die Wand anstarrte. Diese verdammte Wand. Sie ist weiß. Sie ist makellos. Sie macht mich wahnsinnig.

Doch einfach die Augen zu schließen ist keine Alternative. Denn jedes Mal, wenn ich das tue, sehe ich nur eines: dein Bild, in leuchtenden Farben. Eine Momentaufnahme, die nur in meinem Kopf existiert, von dem Tag, an dem wir zum ersten Mal ernsthaft über unsere gemeinsame Zukunft gesprochen haben. Dein strahlendes Lächeln. So hast du nie wieder gelächelt, seit –

Fast gewaltsam zwinge ich meinen Blick und meine Gedanken zurück an die Wand.

Warum zur Hölle sind diese Krankenhausflure immer weiß? Wer denkt sich das aus? Soll das sauber wirken, oder vertrauenserweckend?

Für mich ist alles hier ein verdammtes Déjà-vu. Vor nicht ganz einem Jahr saß ich mich schon einmal auf so einem Flur. Ein anderes Krankenhaus, aber Wände in derselben Farbe. Dieselbe endlose Warterei. Dieselbe Verzweiflung.

 “Hast du dich je gefragt, welche Farbe der Wahnsinn hat? Ein grelles Rot, so schrill und kreischend, dass es die Stimme deiner Vernunft vollkommen übertönt? Ein tiefes Schwarz, so düster und unergründlich, dass du deine Seele darin verlierst? Für mich ist es keins vom beidem. Für mich ist der Wahnsinn weiß. Einfach nur weiß.“

Damals klang deine Stimme so sanft und irgendwie verschwommen. Fast automatisch hatte ich deine Hand gestreichelt. Natürlich lag es an all den Medikamenten und der Narkose, die du gerade hinter dir hattest. Es waren nur Worte, wie im Traum gesprochen, ohne jede tiefere Bedeutung.

Trotzdem geisterten genau diese Worte durch meine Gedanken, als ich nach einer Wohnung für uns suchte. Ich wollte deshalb kein Bad mit weißen Fließen, und keine weißen Einbauschränke in der Küche. Die ursprünglich weißen Wände strich ich sorgfältig an, jeden Raum in einer anderen Farbe. Das Schlafzimmer bekam ein zartes Hellblau. Doch ich vergaß die Decke. Ich vergaß alle Decken. Sie waren und blieben weiß. Nur ein unwichtiges Detail, oder?

Du hast all diese Wände sorgfältig gemustert, als ich dich zum ersten Mal in unser neues Zuhause brachte. Ich sehe dich noch vor der blass-blauen Wand im Schlafzimmer stehen, in einem hellgrauen T-Shirt, dunklen Jeans und einer großen grauen Strickjacke, deren Ärmel das weiße Pflaster auf deinem Handrücken verdeckten. Die perfekte Farbharmonie, wie bei einem Kunstwerk. Auch dein Gesicht wirkte weiß, fast durchsichtig. Dein Lächeln war schwach, aber es war da. Daran hielt ich mich fest. Wir würden es schaffen. Wir mussten.

(…)


Text: Auszug aus “Wie eine weisse Leinwand”  – Farbspiel Weiss (Karina Verlag, Wien)

Bild: pixabay