Leseprobe aus “Fenster und Spiegel” (Farbspiel Grün)

leaves-291024_960_720„Und an welche Farbe hätten Sie gedacht?“

Wenn ich an ihm vorbeischaue, kann ich durch das Fenster die Bäume sehen. Die Zweige schwingen sanft im Wind, das Sonnenlicht blinzelt nur hin und wieder durch die dichten Blätter.

„Grün“, antworte ich.

„Grün“, wiederholt er.

Natürlich. Ich hätte es wissen müssen. Gleich wird er sagen, dass das leider keine Option ist. Dass es seine Möglichkeiten nicht hergeben.

Doch stattdessen rückt er seine Brille zurecht und sieht mich nachdenklich an. „Reines Grün ist die seltenste aller Augenfarben. Weniger als 2%. Nicht gerade unauffällig.“

„Und 90% der Bevölkerung haben braune Augen. Ich weiss. Aber die beste Tarnung ist manchmal nicht die Unauffälligkeit, sondern das exakte Gegenteil. Jemand, der auffällt, kann unmöglich etwas zu verbergen haben.“

Er versteht mich. Da ist ein Leuten in seinem Blick. „Manchmal ist das beste Versteck das in unmittelbarer Nähe des Suchenden. Weil man sich sicher ist, dort nicht nachsehen zu müssen.“

„Weil es unmöglich sein kann, dass das Gesuchte so nahe ist. Man hätte es doch gemerkt.“

Ein anerkennendes Nicken. „Brillant, Mr Mercier.“

„Jaden. Nennen Sie mich doch bitte Jaden.“

Mein Blick schweift durch den Raum. Ein ganz gewöhnliches Patientenzimmer. Niemand würde ahnen, dass sein Bewohner auch selbst immer noch medizinische Eingriffe durchführt. Direkt unter den Augen derer, die ihn überwachen sollen.

Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bücheregal. Alles aus demselben weissen Material, das an Kunststoff erinnert. Fast keine persönlichen Gegenstände. Doch an der Wand neben dem Bett hängt ein einzelnes Foto. Es zeigt ihn, einige Jahre jünger, mit einem kleinen Mädchen. Vier, höchstens fünf Jahre alt.

Erst verschwimmt das Bild vor meinen Augen, dann das ganze Zimmer. Plötzlich befinde ich mich wieder im Zug. Auf dem Weg von der abgelegenen Kleinstadt, in der ich die letzten Monate verbracht habe, mitten ins Herz des Landes. In die Hauptstadt. Mein Weg führt mich zwar nur in einen der Außenbezirke, stellt aber trotzdem ein Risiko dar, dass ich lieber vermieden hätte.

Es ist eine lange Reise. Ich halte die Augen halb geschlossen und schaue starr aus dem Fenster, damit mich niemand anspricht. Im Rhythmus meines hämmernden Herzschlags wiederhole ich die Fakten. Wieder und immer wieder.

Mir gegenüber sitzt eine Mutter mit einem kleinen Jungen. Noch vor fünf Minuten ist dieser auf dem Sitz herumgeturnt, bis ihm seine Mutter das mit scharfem Ton untersagt hat. Nun quengelt er vor sich hin, lauter und lauter. Dabei schüttelt er sein Stofftier so heftig, dass es schließlich zu Boden fällt. Das Gesicht der Mutter färbt sich rot unter den missbilligenden Blicken der anderen Reisenden. Wenn einem diese Gesellschaft eines beibringt, dann ist es, nicht aufzufallen. Und vor allem nicht negativ.

Ich kann mich ohnehin nicht mehr konzentrieren. Mit einer schnellen Bewegung greife ich nach dem Stofftier, bevor es vom Schwanken des Zuges in den Gang befördert wird. Es ist blass grün – wohl von zu vielen Wäschen und zu viel Liebe ausgebleicht – und ähnelt einem verformten Krokodil.

Dann wende ich mich mit einem verschwörerischen Lächeln dem Kleinen zu. „Einen tollen Freund hast du da. Wie heißt der denn?“

Er strahlt mich an, glücklich über die Aufmerksamkeit. „Teddy“, antwortet er. „Er ist ein Dino-Sauri-A.“

Natürlich. Ich muss lachen, obwohl sich in meiner Brust ein dumpfer Schmerz breitmacht.

„Ich bin Ben. Ich bin schon fünf.“ Er legt den Kopf schief. „Und wie heißt du?“

Ein feiner Stich, wie eine Warnung. Mein Name ist Jaden Mercier.

„Ich heiße Jaden.“ Der Satz kommt leicht von meinen Lippen, obwohl sich die Worte in meinem Mund immer noch fremd anfühlen, unförmig und kalt wie Kieselsteine.

Bevor ich mich versehe, ist der Kleine aufgesprungen und zu mir herübergerannt. Automatisch strecke ich die Arme aus, um ihn aufzufangen. Die Mutter will etwas sagen, ihn zurückrufen, doch ihr Sohn ist bereits neben mir auf die Sitzbank geklettert. Stolz thront er da, sein Plüschtier fest im Arm, während er sich an mich lehnt und mit grossen Augen fragt: „Erzählst du mir eine Geschichte, Jaden?“

Irgendwann ist er dann eingeschlafen, den angeblichen Dinosaurier immer noch an sich gedrückt. Sein kleiner Kopf berührt meinen Arm. Ich sehe aus dem Fenster. Grüne Flächen ziehen vorbei.

Ich bin in Devon‘s Landing geboren. Direkt am Meer, nahe der alten Grenze. Die Familie meiner Mutter stammt aus Nevah, vom südlichen Teil der Halbinsel. Zu meinen Großeltern hatte ich fast keinen Kontakt, nur zu meinem Onkel Vincent, dem jüngeren Bruder meiner Mutter. Er –  Halt. Vincent ist der ältere Bruder. Jonah ist der jüngere.

Verflucht. Ich wiederhole die Fakten seit Monaten. Das ist nicht mehr Jadens Leben, sondern meins. Ich bin Jaden, und mein Leben hängt davon ab, dass ich keinen Fehler mache. Nicht den geringsten.

Ihr besorgter Blick fällt auf mich wie ein Schatten. Ich beeile mich, der Dame gegenüber zu versichern, dass alles in Ordnung ist, und dass meine plötzliche Grimasse nichts mit ihrem Sohn zu tun hat. „Ben stört mich gar nicht. Er ist ein großartiger kleiner Junge.“

Und dann lächelt sie zum ersten Mal, voller Dankbarkeit und Stolz. „Sie machen das toll. Sicher nicht zum ersten Mal. Wie viele jüngere Geschwister haben Sie?“

Die Antwort liegt mir sofort auf der Zunge, doch es ist die falsche. Eine kalte Hand schließt sich um mein Herz, als ich die Worte im letzten Moment zurückhalte.

„Leider keine.“ Ich zwinge ein Lächeln auf mein Gesicht. „Ich bin ein Einzelkind.”

(…)


Text: Auszug aus “Fenster und Spiegel”  – Farbspiel Grün (Karina Verlag, Wien)

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