Leseprobe aus “Der Weg vor uns” (Farbspiel Gelb)

il_570xN.301823352Der Himmel hatte die tiefblaue Farbe eines Samtvorhangs, noch ohne jede Spur eines verheißungsvollen Glanzes im Osten. Vor dem Fenster kämpfte das Licht einer einzelnen Straßenlaterne beharrlich gegen die Dunkelheit an, gedämpft durch die vielen Schneeflocken, die von dem warmen Leuchten angezogen wurden wie Motten in einer klaren Sommernacht.

Sommer. Die Erinnerung war schwer und golden und glänzend. Endlose Getreidefelder, strahlendes Licht und Wärme. Sonnenblumen, soweit das Auge reichte, die Wahrzeichen der Gegend, in der er aufgewachsen war. Sommer… das schien eine Ewigkeit her zu sein, nicht nur ein paar Monate.

Aiden seufzte. Die Nacht, die zum größten Teil bereits hinter ihm lag, war gleichzeitig endlos und viel zu kurz gewesen. Jetzt kniete er auf den Boden vor dem Spind, und überprüfte ein letztes Mal sorgfältig den Inhalt seines Rucksacks. Alles war an seinem Platz, wie auch schon bei den vorherigen drei Kontrollen. Einen Moment zögerte er, dann griff er nochmals in das unterste Fach, um etwas leuchtend Gelbes herauszuziehen. Ein wollener Schal, den seine Mutter heimlich in nächtelanger Arbeit gestrickt und ihm dann mitgegeben hatte, als er das Dorf verließ. Ganz schwach konnte man noch den Duft des Apfelkuchens erahnen, den sie immer gebacken hatte, und den Geruch von Wäsche, die in der Sonne trocknet. Wärme. Sommer. Zuhause. Ohne noch einmal zu zögern, legte er den Schal oben auf seinen Rucksack.

Als er sich wieder erhob, sah er sein Spiegelbild im dunklen Glas des Fensters. Ein Junge, an der Schwelle zum Mann. Ein Fremder. Seine Augen wirkten schwarz statt des wirklichen Dunkelbrauns, und seine Haare waren seit einigen Tagen militärisch kurz, ein Anblick, an den er sich immer noch nicht gewöhnt hatte.

Obwohl er wusste, dass er sich langsam beeilen musste und dass es keinen Sinn hatte, das Unvermeidliche hinauszuzögern, trat er näher und legte er seine Hand auf die kühle Glasfläche. Ein Teil des Fensters war mit Eisblumen bedeckt. So kalt. So zerbrechlich.

„Gabriel, das ist kindisch.”

Der Blick seines besten Freundes, der ihn unmittelbar darauf traf, schlug ihm wie Hagel ins Gesicht. „Habe ich dich etwa gebeten, mir dauernd nachzurennen und dich wie meine Mutter aufzuführen?“

„So war das nicht gemeint. Ich wollte -“

„Und du tust es schon wieder. Glaubst du, ich kann die Bedeutung von ein paar einfachen Worten nicht verstehen, wenn du mir nicht einen Vortrag darüber hältst?“

Sein Atem beschlug das Glas. Er fühlte sich fiebrig, gereizt, unsicher und besorgt – alles zur selben Zeit. Die Mischung verursachte einen Druck in seinem Magen, wie von zu vielen Süßigkeiten.

 „Ganz ernsthaft, ich glaube wirklich nicht, dass es irgendwas mit dir zu tun hat. Du bist nicht weniger fähig als alle anderen, und sicher nicht weniger als ich. Es ist einfach nur noch nicht der richtige Zeitpunkt. Du warst einige Wochen lang krank, und man will wahrscheinlich sichergehen, dass du dich völlig erholt hast.“

In Gedanken versunken zog Aiden mit dem Finger die Muster der Eisblumen nach. Wie konnte eine Person voller Feuer plötzlich so kalt sein? Es machte einfach keinen Sinn.

Er hatte es noch einmal versucht. „Es sind nun mal Befehle. Und die muss man befolgen, ob es einem passt oder nicht.“ Dann trat er näher, und wollte seinem Freund die Hand auf die Schulter legen.

Zu seiner Überraschung wich Gabriel jedoch so heftig zurück, als hätte er ihn schlagen wollen. Mit einem Blick der brannte, aber gleichzeitig nichts als Kälte versprühte, herrschte ihn sein Freund an: „Verdammt nochmal, wie kann jemand, der so intelligent ist wie du, so unglaublich schwer von Begriff sein?“

Und ohne ein weiteres Wort ließ er Aiden stehen.

Sie waren seit Jahren beste Freunde, aber es war natürlich nicht so, dass sie nie gestritten hätten. Gabriel hatte ihm die Türe mehr als einmal vor der Nase zugeschlagen, aber immerhin hatte Aiden stets gewusst, warum. Sicher ging es Gabriel nahe, dass er nicht ausgewählt worden war – Aiden wäre es umgekehrt genauso gegangen – aber warum musste er das an seinem besten Freund auslassen?

 „Gabriel, ich will das doch auch nicht. Wenn ich gesagt habe, dass es Befehle sind und dass man nichts machen kann, habe ich damit nicht gemeint, dass ich mich darüber freue. Der Gedanke, dich allein zu lassen -“

„Meinst du wirklich, ich bin so unfähig? Dass ich es nicht eine Sekunde ohne dich aushalte? Überraschung: du kannst aufhören, dir Sorgen um mich zu machen, und dich stattdessen um dich selbst kümmern. Schließlich habe ich mehr Erfahrung im Alleinsein als du.“

Danach hatte Gabriel nicht mehr mit ihm gesprochen, auch letzte Nacht nicht. Er hatte sich einfach umgedreht und so getan, als schliefe er.

Es war so sinnlos, so ungerecht. Es war einfach nicht Gabriels Art. Vielleicht wurde er wieder krank? Eine Erkältung vielleicht, oder gar eine Grippe, oder… ‚Hör auf‘, unterbrach Aiden sich selbst. ‚Du klingst wirklich wie seine Mutter, nicht wie sein bester Freund.

Als er wenig später sein Zimmer betrat, saß Gabriel auf dem Bett. Angespannt, blass, aber bereits vollständig angezogen und sehr entschlossen. Sein Blick lastete schwer auf Aiden, während dieser seine warme Winterjacke vom Bett nahm und überzog. Einfache Handgriffe, notwendige Vorbereitungen, die kein weiteres Nachdenken erforderten. Schließlich war es draußen kalt. Als letztes legte er den gelben Schal um. Nicht ganz standesgemäß, aber wenigstens würde er ihn warmhalten, bis er seine Uniform und die dazugehörige Ausrüstung erhielt. Während er nach seinen Rucksack griff, um ihn zu schultern, erhob sich sein Freund mit einer einzigen, fließenden Bewegung. Sie wechselten einen kurzen Blick, doch Gabriel wandte sich wieder ab, bevor Aiden irgendetwas in seinen Augen lesen konnte. Keine Geste, kein Flüstern, nicht einmal das kleinste Lächeln – dies alles war deutlicher als Worte es jemals sein konnten.

(…)


Text: Auszug aus “Der Weg vor uns”  – Farbspiel Gelb (Karina Verlag, Wien)

Bild: TheKnitGarden auf Etsy