Leseprobe aus “Dunkelheit und Licht” (Farbspiel Schwarz)

‚It wasn’t me that chose darkness, but the other way around.‘ Ein kalter Windhauch traf ihn, und Emery fröstelte. Er konnte sich noch gut an diesen Satz erinnern, und an den Nachmittag, als er ihn in den Computer tippte. Wieder und wieder und wieder. Dann hatte er auf den hellen Bildschirm gestarrt, bis die schwarzen Buchstaben vor seinen Augen verschwommen waren.

Das Laub raschelte unter den abgetragenen Schnürstiefeln, und sein Atem formte kleine Wolken. Fast jeder kannte den Indian Summer in Neuengland, der berühmt war für seine Farbenfreude und seine Milde, aber nur wenige wussten, dass ihm unweigerlich auch ein unbarmherziger Winter folgte. Und die feuchte Kälte dieses Abends, die wie eine alte, kratzige Decke auf seinen Schultern lastete, war bereits ein erster Vorgeschmack darauf.

Als Emery das Brückengeländer erreichte, hielt er einen Moment inne. Langsam, beinahe zärtlich strich seine Hand über das eiskalte Metall. ‚Ich habe die Dunkelheit nicht gewählt. Es war eher andersherum.‘

Er atmete tief ein, dann aus, bevor er Schwung holte. Ein Abstoßen, ein Hochziehen, ein Hinüberschwingen der Beine, und schon stand er auf der anderen Seite.

Tief unter ihm glitzert das Wasser. Von hier oben wirkt es pechschwarz, mit silber-weißen Borten und Kanten. Er konnte den Ruf des weiten Dunkels spüren, der durch jeden Winkel seines Verstandes hallte. Ein machtvoller Ruf, irgendwo zwischen befehlend und verführerisch.

Für einen Moment schloss er die Augen und lehnte sich nach vorne. In den Ruf hinein, in die Dunkelheit, die ihn wie ein Magnetfeld anzuziehen schien. Nur seine Finger, die sich fest um das kalte Metall gelegt hatten, hielten ihn jetzt noch zurück. Es fühlte sich an wie Schweben, Tanzen auf der feinen Linie zwischen Licht und Dunkelheit.

Dann hörte er die Schritte hinter sich. Erst forsch und zielgerichtet – ein wortloses ‚na komm schon, bringen wir’s hinter uns‘ – dann zögernder, bis das Rascheln der Blätter schließlich ganz verstummte.

Langsam öffnete er die Augen wieder, sah sich aber nicht um. Wartete.

„Hallo? Ist alles okay?“ Eine volle, angenehm klingende Stimme, aber mit einem leichten Zittern, einem Vibrato der Unsicherheit.

Emery starrte auf die silbrigen Wirbel im Wasser. Er wusste, dass der Anblick täuschte, und dass sich direkt unter der Oberfläche scharfe, felsige Kanten verbargen.

„Ich war gerade drüben auf dem Fußweg unterwegs“, setzte der ungebetene Gast nach. „Und da habe ich gesehen … Ich meine … brauchst du vielleicht Hilfe?“ Der schwankende Ton verriet, dass er nicht recht wusste, was er tun sollte. Weil die Situation für ihn ungewohnt war. Weil er normalerweise zu denen gehörte, die alles unter Kontrolle hatten.

„Sehe ich so aus?“

Ein erneutes Rascheln verriet, dass der Neuankömmling hinter ihm nervös auf der Stelle trat. „Hör zu, ich habe zwar gar keine Ahnung, was dir passiert ist, aber -“

„Genau. Du hast keine Ahnung.“ Da war keine Spur von Gift in seinen Worten. Es klang wie eine einfache Feststellung.

Das Rascheln setzte erneut ein. Es kam in Emerys Richtung, und verstummte dann wieder.

„Aber vielleicht kannst du es mir ja erklären.“ Die Stimme war nun schräg hinter ihm, höchstens noch einen Meter entfernt.

„Ich glaube nicht, dass du es verstehen wirst.“ Emery drehte den Kopf in die Richtung seines Gesprächspartners, konnte aber nur dunkle Umrisse erkennen. Das Licht kam von hinten herübergeschwappt, schwach und grau, von einer der wenigen Lampen am nahen Fußweg. Wusste der Teufel, warum man die in dieser Jahreszeit überhaupt instand hielt, denn nachdem die glühende Farbenpracht des Herbstes der Schwerkraft zum Opfer gefallen war, fanden Spaziergänger diese Gegend nur noch wenig einladend.

„Du kannst es aber trotzdem versuchen, oder?“

Die Umrisse ließen erahnen, dass sein Gegenüber so aussah, wie man ihn sich beim Klang seiner Stimme vorstellte: groß, breitschultrig, etwa in Emerys Alter. Moderne Frisur, wahrscheinlich helle Haare. Dunkle Hose, College-Jacke, offen, trotz der Kälte. Zeigen, dass man friert, ist schließlich absolut uncool. In seiner High-School Zeit war er vermutlich der Star in irgendeinem Sportteam gewesen, und jetzt Mr Popular am College. Ein typischer Tonangeber.

Falls er versuchen sollte, Emery ebenfalls einzuschätzen – soweit das im schwachen Licht und von schräg hinten möglich war –  so würde sein Urteil schnell feststehen. Schließlich wies alles an Emery ihn als das absolute Gegenteil von Mr Popular aus: Die Jeans zu eng, der weite Stickpullover zu bunt, die schwarze Lederjacke darüber zu rebellisch. Die dunklen Haare zu lang, das Gesicht zu weich und zu mädchenhaft. Träumer, Freak, Schwuchtel. Außenseiter.

Etwas in Emery zog sich schmerzhaft zusammen, wie ein Krampf. Er zwang sich, tief einzuatmen und sich auf das leise Rauschen des Wassers zu konzentrieren. Wenn man genau hinhörte, klang es wie Worte, wie ein Flüstern.

(…)


Text: Auszug aus “Dunkelheit und Licht”  – Farbspiel Schwarz (Karina Verlag, Wien)

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