Leseprobe aus “Das Leuchten am Rande des Abgrunds”

Staub

Ich. Ein neues Wort, dessen Bedeutung mir noch nicht völlig klar ist. In Gedanken wiederhole ich es, wieder und wieder. Lasse es auf mich wirken. Betaste, drehe, koste es. Als wäre es ein unbekannter Gegenstand, ein Geschmack, den ich erst einordnen muss.

Ich.

Ich.

Ich.

Da ist ein Ziehen in meinem Kreuz, in meinem Nacken, aber ich verharre dennoch in der unbequemen Position, kauere auf dem Boden. Lasse Erde durch meine Finger rieseln, wieder und wieder. Ich bin. Ich atme. Ich fühle. Die Härte, die kleinen Körner.

Staub. Wir alle sind daraus gemacht. Und es wird alles sein, was von uns bleibt, wenn … Mich durchfährt ein Blitz, eiskalt und doch brennend. Ich will nicht an den Tod denken. Nicht schon wieder. Doch jeder Versuch, den Gedanken wegzuschieben, schlägt fehl. Er flattert durch meinen Kopf wie ein verängstigter Vogel, der gerade festgestellt hat, dass mit dem Fenster auch sein einziger Weg zurück verschlossen wurde.

Ich habe versucht, es zu beenden. Aber eigentlich … eigentlich wollte ich es nicht. Will ich es nicht. Erde fällt durch meine Finger, der Wind trägt winzige Staubpartikel davon. Und der Schmerz hallt dumpf durch meinen Körper, als mein Verstand die Worte formt, die doch ungedacht bleiben sollten: Ich will nicht sterben.

***

Es war das Weinen, das Sam nicht mehr losließ. Das Wimmern eines kleinen Kindes, so völlig ohne Hoffnung. Es bohrte sich in seinen Kopf, klammerte sich an seine Gedanken. Würde ihn noch in seinen Träumen verfolgen.

Gerade eben war es noch ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Siedlung gewesen. Die Bewohner von Township 2 waren in den Straßen unterwegs – auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zu wichtigen Terminen. Männer und Frauen in grauen Overalls, die sie als einfache Produktionsarbeiter kennzeichneten. Dazwischen einzelne Personen in schwarzen Anzügen und dunklen Kostümen, die auf den nahen Untergrundbahnhof zueilten, und junge Frauen in bunten Sommerkleidern, die in Gruppen zusammenstanden. Sie redeten und lachten.

Daneben spielten Kinder. Ein kleines Mädchen mit einer roten Schleife im Haar kreischte vor Begeisterung, während es versuchte, einen der älteren Jungen zu erhaschen, der ihr immer wieder spielerisch auswich.

Ein lauter Knall, ein reißendes Geräusch, ein tiefes Grollen. Entsetzte Blicke, Schockstarre. Dann Schreie.

Einige begannen, in wilder Panik davonzurennen, andere kauerten sich auf den Boden. Etwas traf von der Seite die Kamera, riss sie fast mit sich. Wassertropfen auf dem Objektiv, Bildausfall. Nur noch Rauschen und das andauernde Weinen des Kindes.

Und dann Stille.

„Ich weiß, du wolltest dieses Treffen nicht. Du fühlst dich quasi erpresst.“ Kayla schaltete den Bildschirm aus und sah ihn mit diesem mütterlichen Blick an. Einem Blick voller es ist besser so und du wirst auch noch einsehen, dass ich Recht  habe. „Aber es geht um etwas, das wichtiger ist, als deine Befindlichkeit. Und du bist ohnehin hier. Warum bleibst du nicht noch einen Moment, und hörst mir einfach nur zu?“

Sam atmete tief ein. Na großartig. Das Ganze war reine Zeitverschwendung. Aber er hatte ihre Hilfe gebraucht, und wenn dieses Treffen der Preis dafür war, dann würde er es durchstehen. Sie würde versuchen, ihn zu überreden. Und es würde ihr nicht gelingen. Nein. Die Antwort war nein. „Also gut. Einen Moment.“

Kayla stützte ihr Kinn auf die gefalteten Hände. Sie hätte bestens hinter den Schreibtisch eines großen Konzerns gepasst, oder ans Kopfende eines Konferenztisches mit wichtigen Anzugträgern. „Nehmen wir an, es stünde eine gigantische Flut bevor. Eine gewaltige, durchaus auf dem Level von vor zwei Jahren.“ Sie sah Sam beschwörend an. „Und nehmen wir weiter an, es würden keinerlei Vorkehrungen dafür getroffen. Keine Information der Bevölkerung, kein Evakuierungsplan – nichts.“

Verdammt, jetzt hatte sie doch seine Aufmerksamkeit. „Ist das denn der Fall?“

„Laut unseren Informationen – ja.“

„Und diese Informationen sind verlässlich?“

„Davon gehen wir aus. Dieselbe Quelle, die uns schon seit langem auf die Parallelen zwischen unserer Situation und der von Township 2 aufmerksam macht. Und was mit Township 2 passiert ist, hast du ja gerade gesehen.“

Sam wich ihrem Blick aus und starrte auf seine Finger, die er im Schoß zu einem Knoten verschränkt hatte. Kayla suchte seine Sollbruchstelle, und sie war bereits verflucht nahe dran. Dazu hallte irgendwo im Hintergrund seines Verstandes immer noch das Weinen nach.

„Wir wussten schon die ganze Zeit, dass Manticor uns etwas verschweigt. Dass sie nicht die großen Wohltäter sind, für die sie sich ausgeben. Aber jetzt ist es wichtiger denn je, dass wir herausfinden, was sie wirklich hier wollen.“ Sie rückte näher und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Hunderte Menschenleben, Sam. Vielleicht sogar Tausende. Ist dir das wirklich egal?“

Das hatte gesessen. Sam konnte die Risse förmlich fühlen, die sich auf der Oberfläche der Mauer bildeten, hinter der er sich verkrochen hatte. „Und was kann ich da tun?“

„Wir brauchen einen Plan. Dir wird doch sicher etwas einfallen.“ Lockend, verführerisch. Komm schon. Sag ja.

„Aber ich bin kein Mitglied der Gruppe mehr. Ich habe seit Monaten …“

„Du gehörst immer noch dazu.“ Wieder dieser Blick. Komm zurück, Sam. Wir brauchen dich.

Er schüttelte ihre Hand ab, stand auf. Er musste hier raus. „Ich denke darüber nach.“

Und da spielte sie ihren letzten Trumpf aus: „Aber nicht zu lange. Die Flut wird in acht Tagen erwartet. Das heißt, uns bleiben nur noch sieben.“

Die Worte verfolgten ihn, während er den Flur entlanglief. Seine Schritte waren rhythmisch, wie das Ticken einer gigantischen Uhr. Tick. Tack. Tick. Tack. Die Zeit lief unbarmherzig. Ließ sich nicht bitten, nicht anhalten.

Sieben. Eine magische Zahl. Sieben Tage in der Woche, sieben Schwäne im Märchen. Sieben Weltmeere. Sieben Todsünden. Sieben Tage.

Wenn es stimmte – und er hatte leider keinen Grund, den Informationen zu misstrauen – was sollten sie dann tun? Wie sollten sie es schaffen? Was konnte er dazu beitragen?

Ernsthaft? Du glaubst, dass ausgerechnet du etwas dagegen tun kannst? Wer bist du denn? Die Stimme hatte wieder ihren gehässigen Unterton.

Jemand, der nicht einfach daneben stehen und zusehen wird, entgegnete er ihr. Immerhin hängen Menschenleben davon ab.

Doch die Stimme blieb unbeeindruckt: Und wenn es um Menschenleben geht, bist du ja absolut großartig. Hast du schon mehrfach bewiesen.

Eine Mischung aus hilfloser Wut und Panik überrollte ihn wie eine gigantische Welle, riss ihn mit sich. Luft. Er bekam keine Luft mehr.

Blind streckte er die Hände aus. Sie stießen auf die kalte, raue Oberfläche aus Stein, und krallten sich mit der verzweifelten Kraft eines Ertrinkenden daran fest. Atmen. Er musste atmen.

Die Luft schmeckte staubig und trocken. Langsam zog sich die Panik zurück, aber er wusste, dass es nur die Ebbe war, und dass die Flut zurückkehren würde. Sein eigener Herzschlag dröhnte durch seinen Körper wie das Geräusch eines gewaltigen Sekundenzeigers, als seine Finger über die Wand kratzten und sich schließlich zur Faust ballten.

Denk nicht an den Zeitfaktor. Ignorier ihn. Was für Möglichkeiten bleiben dir? Du brauchst eine Idee und eine gute Strategie, das ist alles. Wenigstens ein Versuch ist doch drin, oder?

Seine Hand wanderte zu seinem Schlüsselbein, dann nach unten an dem schwarzen Lederband entlang, das er um den Hals trug. Er begann, den silbernen Ring daran in seiner Hand zu drehen, wie immer, wenn er nachdenken musste.

Sein Verstand fächerte die Optionen vor ihm aus wie Spielkarten. Er hob eine nach der anderen auf, begutachtete sie, legte sie wieder zurück.

Und dann war da plötzlich die Idee. Sie stach unter den anderen Optionen heraus wie ein Edelstein zwischen Kieseln. Er hob sie vorsichtig auf, polierte sie, hielt sie ans Licht. Es war ein Risiko. Aber es war definitiv eine Möglichkeit.

Und es gab ihm etwas zu tun. Er musste mit seinen Vorgesetzten reden. Vielleicht mit Madeline, wenn sie sich dazu herabließ. In Gedanken erstellte er bereits eine Liste, und mit jedem Punkt wurde sein Herzschlag ruhiger.

***

Der Himmel hüllte sich in ausgebleichtes Blau, das Licht wurde langsam fahl. Trotzdem war die Luft immer noch heiß und trocken.

Sams schlurfende Schritte wirbelten staubige Erde auf, die bereits in einer dünnen Schicht seine Schuhe bedeckte. Ein Windstoß fuhr ihm ins Gesicht, unangenehm warm, als hätte jemand einen Föhn eingeschaltet. Er brachte mehr Staub mit sich, und einige der kleinen Partikel landeten in seinem Auge. Es stach wie Nadeln, und ihm liefen Tränen übers Gesicht. Seine Schritte beschleunigten sich, bis er sie wieder abbremste. Hatte er es eilig, nach Hause zu kommen?

Ja.

Nein.

Nach Hause. Was bedeutete das schon? Der Ort, der einen vor Wind und Regen und vor allem vor der allgegenwärtigen Sonne schützte? Na, da mangelte es nicht an Auswahl. So viele Gebäude hier standen leer. Das einzige Problem war der Verfall. Keine Energie, keine Ressourcen, um ihn aufzuhalten.

Vor einigen Jahren hatte es noch geheißen, dass Überbevölkerung die große Herausforderung werden würde. Die Menschheit tüftelte an Lösungen. Neuartige Hochhäuser, kleinere Wohneinheiten, unterirdischer Verkehr. Neue, ergiebigere Getreidesorten, optimierte Anbaumethoden. Und dabei übersahen sie die Probleme, die viel dringlicher waren. Die schmelzenden Eismassen. Die steigenden Meeresspiegel. Die wachsende Zahl von Naturkatastrophen. Insektensterben. Neuartige Epidemien. Kriege um die schwindenden Ressourcen. Am Ende musste man an Überbevölkerung keinen Gedanken mehr verschwenden. Die Dinge hatten angefangen, sich selbst zu regeln. So wie sie es seit Jahrtausenden getan hatten. Seit Anbeginn der Zeit.

Sam wandte sich einem der besser erhaltenen Gebäude zu, einem niedrigen, dreistöckigen Haus. Einst war es hellgrün gewesen, doch inzwischen blätterte die Farbe ab und die Reste verwandelten sich in dasselbe undefinierbare Graubraun wie alles andere rundherum. Er trat durch den Eingang und stieg die Treppe in den ersten Stock hinauf, wie er es jeden Tag tat. Aber heute erwog er jeden einzelnen Schritt.

An der Tür blieb er stehen. Seine Hand verharrte in der Luft wie ein im Flug erstarrter Vogel. Das Herz schlug schmerzhaft in seiner Brust. Dann drückte er die Klinke, ruckartig, wie man ein Pflaster entfernt.

Im Flur – oder in dem leeren Raum, der früher einmal der Flur gewesen war – hing eine hellgraue Jacke aus schwerelosem Hightechgewebe an einem Haken. Sam widerstand der Versuchung, sein Gesicht in dem Stoff zu vergraben und den Geruch einzuatmen, an den er sich in den letzten Wochen so sehr gewöhnt hatte. Vorne sorgfältig angesteckt war die allgegenwärtige Passkarte, ohne die man innerhalb der Stadtmauern nicht mehr von einem Ort zum anderen kam und keine Bezugsmarken erhielt. Silbergraues Plastik. Hologramme, glitzernde Linien. Wasserzeichen. Eine Fotografie. Helle Haare, große ernste Augen. Seine Finger strichen beinahe zärtlich über das Dokument. Es war so echt, dass es über jeden Zweifel erhaben war. Er – beziehungsweise Kayla – hatte ja auch ein paar sehr gute Kontakte dafür spielen lassen … War es wirklich erst gestern gewesen, dass er den Pass mit nach Hause gebracht hatte?

„Ich hab dir was mitgebracht.“ Immer hatte Sam eine Kleinigkeit dabei, wenn er nach einem langen Tag zurückkam. Am Anfang war es eine Notwendigkeit gewesen, nun ein liebgewonnenes Ritual. Es war nie viel – eine Haarbürste, ein T-Shirt, eine Süßigkeit, manchmal nur eine verwelkte Blüte, die er aus der Produktionshalle herausgeschmuggelt hatte, oder ein besonders glatter Kieselstein. Aber jedes Mal zeigte sich ein Strahlen auf Alexis’ Gesicht, das eine sonderbare Wärme in ihm auslöste.

„Diesmal ist es was Besonderes.“

Er zog den Pass hervor, der den ganzen Heimweg wie Blei in seiner Tasche gelegen hatte, und platzierte ihn auf dem Tisch. Er sprach nicht aus, was das bedeutete. Er konnte es nicht.

Leises Klappern aus der Küche unterbrach seine Gedanken. Augenblicklich durchströmte ihn wieder diese unglaubliche Wärme, und gleichzeitig war es, als würde ein halbes Bergmassiv von ihm abfallen.

Im Türrahmen blieb er zunächst einfach stehen und beobachtete Alexis.

Sie beugte sich vor, drehte am Regler des Gaskochers, richtete sich auf und strich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Hustete. Wandte sich dann wieder dem Topf zu, der auf dem Kocher stand. Summte leise vor sich hin. Warf dem grauen Kater, der ihr seit dem ersten Tag nicht von der Seite wich, einen Rest von etwas zu. Wahrscheinlich Ersatzschinken, nach der zufriedenen Miene des Tieres zu urteilen.

Manchmal kam sie ihm immer noch vor wie eine Erscheinung. Ein überirdisches Wesen, das der nächste Windhauch davontragen würde. Helle, fast weiße Haare. Ein blasses Gesicht. Graublaue Augen, die ihn oft an das Meer an einem wolkigen Tag erinnerten.

Heute trug sie verwaschene Jeansshorts und ein lila Top mit einem Schmetterlingsmotiv. Ein Outfit, das für die Wohnung gut taugte; draußen hätte es ihr viel zu schnell einen Sonnenbrand eingebracht. Doch das war nicht das einzige, woran er unwillkürlich denken musste.

Es waren Zoes Sachen gewesen. Zoes Sachen, die seit Monaten ein unerwünschtes Dasein in der hintersten Ecke des Schranks gefristet hatten. Sie passten halbwegs, was nichts daran änderte, dass sie an Alexis unpassend, ja geradezu falsch aussahen. Nicht nur, weil das Top zu lang und zu weit war, sondern, weil ihr elfenhaftes Aussehen zarte Stoffe und Rüschen und Kleider zu verlangen schien – nicht etwas so gewöhnliches wie Jeans.

Normale Kleidung, alltägliche Handgriffe. Wie immer, wenn er in den letzten Tagen von der Arbeit zurückgekommen war. Doch trotz all der Normalität kam es ihm vor, als erblicke er ein Wunder. Eine Gnade, die ihm zuteil geworden war.

„Du bist ja noch da.“

Alexis sah ihn mit großen Augen an. „Wohin sollte ich denn gehen?“

Du hast jetzt einen Pass. Du kannst überall hin gehen. Leichter gesagt als getan – das wusste er. Und er fühlte sich fast schuldig, dass er froh darüber war.

 


Text: Auszug aus Das Leuchten am Rande des Abgrunds
ISBN: 978-3-7467-7589-0

Bild: unsplash (Marcus Wallis)