A Deeper Shade of WHITE – “Wie eine weisse Leinwand”

cf93c8daec8de0dfd8d13c74ce4cb3b7Ernest Hemingway hat einmal – mit offensichtlicher Ironie – gesagt, dass Schreiben ja denkbar einfach sei: “Man setzt sich einfach an die Schreibmaschine und blutet.”

Abgesehen davon, dass der moderne Autor inzwischen grösstenteils am Computer sitzt, hatte dieses Bild für mich immer etwas sehr machtvolles. Oft genug ringe ich beim Tippen um jedes einzelne Wort, lösche, schreibe neu. Auch so können – Wort für Wort – gute Texte entstehen, gar keine Frage. Schreiben ist nun mal (Hand-)Arbeit.

Trotzdem: meine besten Geschichten oder Textpassagen sind immer die, die sich wie von selbst geschrieben haben. Die einfach aus mir herausgeflossen sind, um in Hemingways Bild zu bleiben. So zu schreiben mag einfach klingen, aber es hat immer auch etwas nahezu schmerzhaftes. Man fühlt sich anschliessend leer, als wäre ein grosser Teil von einem selbst in den Text übergegangen. Oder als hätte man grade eine Menge Blut verloren.

blood_typewriterGenauso ging es mir, als ich meinen Beitrag für Weiss geschrieben habe. Es ist die mit Abstand persönlichste Geschichte in der ganzen Farbspiel-Reihe, und die, auf die ich am meisten stolz bin. Es steckt eine Menge von mir darin, und eben auch sehr, sehr viel (Herz-)Blut.

Im Folgenden möchte ich dir gerne ein bisschen mehr über diese Geschichte erzählen und ein paar Details (auf)zeigen, die du vielleicht gar nicht oder ganz anders wahrgenommen hast. Aber nicht vergessen: Letztlich zählt deine Interpretation genau gleich viel wie meine.


Erst mal ein paar Eckdaten:creative-361103_960_720

Titel: Wie eine weisse Leinwand

Genre: Drama/Beziehungsgeschichte

Themen/Stichworte: Trauma, Erinnerung, Wahnsinn, Leben/Tod, Hoffnung

Länge: 4 Seiten

Tagline: Hast du dich je gefragt, welche Farbe der Wahnsinn hat?

Pitch: Nachdem die Person, die man über alles liebt, gerade versucht hat, sich das Leben zu nehmen, ist so ein Krankenhausflur voller Erinnerungen, Fragen und Zweifel. Aber wenn man hier schon keine Antworten findet, dann vielleicht wenigstens ein Fünkchen Hoffnung?


Vom weissen Blatt zur weissen Leinwand – woher kam die Idee?

vatican-1136071_960_720Eigentlich existierte die Grundidee schon lange vor dem Farbspiel Projekt, und zwar in Form eines sehr kurzen englischen Texts – eines sogenannten Drabble – von gerade mal 250 Wörtern, den ich vor Jahren auf Livejournal veröffentlich hatte. Bereits dort ging es um die Frage, welche Farbe der Wahnsinn wohl hat, der Rest des kurzen Textes war aber bewusst kryptisch gehalten. So musste man sich als Leser selbst zusammenreimen, was eigentlich genau geschehen war und wo sich der Erzähler befand; weder der Krankenhausflur noch der Selbstmordversuch wurden explizit benannt.

Ein Grund dafür, warum ich gerade diese Szene so plastisch vor Augen hatte, ist, dass es sich um einen Schlüsselmoment aus einem meiner Romanprojekte handelt, nämlich aus (Un)Gebrochen. Ich musste also weder über den Hintergrund noch die Figuren viel nachdenken, da diese bereits existierten. Die Herausforderung bestand vielmehr darin, die richtigen Worte zu finden und die perfekte Atmosphäre entstehen zu lassen.


Wer genau sind die beiden Figuren?

13341961_1391518770861924_426942613_nDas Schöne an nur mit ‘ich’ und ‘du’ bezeichneten Figuren ist, dass der Leser sich selbst überlegen kann, wer diese sind. Je mehr offen bleibt, desto mehr Möglichkeiten gibt es – deswegen habe ich auch bewusst auf jede nähere Beschreibung verzichtet. Du kannst selbst entscheiden, wie die Figuren aussehen, welches Alter und welches Geschlecht sie haben, ja sogar, ob und mit wem du dich identifizieren willst.

So möchte ich es eigentlich stehen lassen, aber wenn es jemanden da draussen wirklich interessiert, wer die beiden für mich sind, dann wird dieser auf der Projektseite von (Un)Gebrochen fündig. Es handelt sich um die beiden Hauptfiguren; der Erzähler wäre Sasha, der auch im Roman die primäre Fokusfigur* und der eigentliche Protagonist ist. Allerdings ist der Roman in der dritten Person (‘er’) verfasst, nicht in der ersten (‘ich’).

Auf dem Bild hier sieht man übrigens, wie sich meine Autorenkollegin Mika M. Krüger die andere der beiden Figuren (Alan) vorstellt. Interessanterweise stimmt das Bild in vielen Details mit meiner Vorstellung überein, obwohl wir nie explizit darüber gesprochen haben.

*Fokusfigur (englisch: Focalizer): die Figur, durch deren Augen der Leser die Geschichte verfolgt/erlebt


Warum ist der Wahnsinn weiss?

Dies ist nicht nur die Sicht meiner Figuren, sondern auch meine ganz persönliche. Für mich ist Weiss einfach die passendste Farbe, wenn es um Wahnsinn geht, was vor allem mit drei Dingen zu tun hat:

1) Weiss ist technisch gesehen nicht eine Farbe, sondern alle Farben auf einmal. Das hat einen gewissen Unterton von “zu viel auf einmal”, von dauernder Überlastung, ein Zustand, der einen wahrlich wahnsinnig machen kann.winter-20234_960_720

2) Zuviel Weiss kann wirklich krank machen. Da grosse weisse Flächen (z.B. Schnee) das UV Licht reflektieren, kann es zu Augenschädigungen und Blindheit führen, wenn man dem zu lange ausgesetzt ist. Weisse Flächen oder zu helles, weisses Licht können auch Migräne auslösen oder verstärken.

hallway_002.jpg72f3d442-32bf-4dd2-9f6f-d4969ff6d09dOriginal3) Weiss ist klassischerweise die Farbe von Krankenhäusern und Ärzten. Das mag zwar heute nicht mehr unbedingt der Fall sein, ist aber in unserer Vorstellung oft noch so festgelegt. Der Flur in einem Krankenhaus oder einer psychiatrischen Einrichtung ist deshalb in Filmen und Geschichten oft weiss, genauso wie die Kleidung des Klinikpersonals.

Und dann kommt natürlich noch dazu, dass Weiss in der Farbsymbolik für das Gute, für Reinheit und Unschuld steht. Die Ironie, dass gerade diese positive Farbe etwas Negatives verkörpert, finde ich natürlich extrem spannend.


Noch mehr Farben – Schwarz, Rot und Blau

poppy-1128683_960_720Neben dem allgegenwärtigen Weiss tauchen aber auch noch andere Farben in der Geschichte auf.

Da wären zunächst Rot und Schwarz – neben Weiss die meistgenutzten und bekanntesten symbolischen Farben überhaupt. Die Kombination von allen dreien findet man an zwei Schlüsselstellen:

“Hast du dich je gefragt, welche Farbe der Wahnsinn hat? Ein grelles Rot, so schrill und kreischend, dass es die Stimme deiner Vernunft vollkommen übertönt? Ein tiefes Schwarz, so düster und unergründlich, dass du deine Seele darin verlierst? Für mich ist es keins vom beidem. Für mich ist der Wahnsinn weiss. Einfach nur weiss.“

Hier werden beide Farben ebenfalls als “Farbe des Wahnsinns” in Erwägung gezogen, aber letztlich verworfen, da sie – für die Figur in der Geschichte – nur Facetten symbolisieren, nicht das Ganze.

Wann ist das Weiss so unerträglich geworden, dass du es in einem Strom aus Rot ertränken musstest? Dass ein bodenloses tiefes Schwarz, ein ewiges Nichts der einzige Ausweg zu sein schien?

Dies ist eine Passage, die auf zwei Arten gelesen werden kann. Einmal als eine Weiterführung oder Wiederaufnahme der oben zitierten Stelle mit der Aussage, dass jeder andere Zustand, wie schmerzhaft oder folgenreich er auch sein mag, besser ist als den Verstand zu verlieren.

Oder man kann es als eine Art “symbolische Zusammenfassung” der vorhergehenden Ereignisse sehen: die angesprochene Figur hat versucht sich umzubringen, und zwar durch Aufschneiden der Pulsadern. Ein verzweifelter Versuch, dem Wahnsinn (=Weiss) um jeden Preis zu entkommen, selbst wenn dies letztlich Blut und Schmerzen (= Rot) oder gar den Tod (= Schwarz) bedeutet.water-lily-1015215_960_720

Der Kontrast zwischen Schwarz und Weiss – und zwischen Weiss und Bunt – kommt auch am Ende nochmals vor. Wenn man ganz philosphisch werden möchte, dann kann man es als eine Art Kampf von Wahnsinn und Leere (=Weiss) gegen (In)Halt und Sinn (=dunkle Linien, bunte Flächen) sehen. Auf jeden Fall bekommt das Ende dadurch einen deutlichen Unterton von Hoffnung:

Wenn es selbst in der grössten Dunkelheit noch irgendwo winzige Lichter gibt, dann muss es doch auch im endlosesten Weiss kleine dunkle Punkte geben. (…) Man kann von ihnen aus Linien ziehen und die Flächen mit Farben füllen. Es ist eine gewaltige Aufgabe, die viel Zeit braucht, aber gemeinsam können wir es schaffen.

flower-1203563_960_720Und dann findet sich noch eine weitere Farbe in dieser Gesichte, nämlich Blau. Der Grund dafür ist ein ganz persönlicher: da Blau meine eigene Lieblingsfarbe ist, habe ich versucht, sie in allen Farbspielgeschichten kurz aufblitzen zu lassen. Hier findet sich das Blau an den Schlafzimmerwänden – hellblau ist laut Farbpsychologen und Innenarchitekten übrigens wirklich eine empfehlenswerte Farbe fürs Schlafzimmer.

(Und ja, Grau kommt auch noch vor… das hat aber keine tiefere Bedeutung.)


Die Leinwand im doppelten Sinne

Sehr oft habe ich Probleme, wenn ich Titel aus dem Englischen ins Deutsche übersetze, weil dabei die vorhandene Doppeldeutigkeit wegfällt. So bedeutet “Solving Puzzles” (der Working Title eines meiner anderen Roman-Projekte) gleichzeitig ein Puzzle zusammenfügen und ein Rätsel lösen – um beide Aspekte geht es im Roman auch.

Bei dieser Geschichte jedoch ergab sich im Deutschen eine Doppelbedeutung, die so im Englischen nicht funktionieren würde: Leinwand bezeichnet – neben dem Ursprungsprodukt, dem Stoff – sowohl die Arbeitsfläche eines Künstlers (“Das Gemälde ist Öl auf Leinwand.”) als auch die Projektionsfläche z.B. im Kino (“Die Leinwand blieb jedoch leer.”).your-life-is-a-canvasmake-sure-you-paint-yourself-a-whole-lot-of-colorful-days-art-quote

Darüber hinaus ist jeweils eine Bedeutung mit einer der beiden Figuren verknüpft, und sagt dadurch etwas über ihre momentane Haltung aus. Der Erzähler erhält die Künstler-Dimension, da er die Wände anstreicht und damit – symbolisch wie auch praktisch – aktiv versucht, etwas an der Situation zu ändern.

Für mich waren die weissen Wände eine leere Leinwand, auf die ich in blassen aber bunten Farben unsere Zukunft malte.

Für das Gegenüber dagegen wird die weisse Decke ungewollt zur Leinwand, auf der sich traumatische Erinnerungen wieder und wieder abspielen. Diese Figur bleibt (gezwungenermassen) in der passiven Rolle und kann die Bilder nur wieder und wieder verfolgen, aber nicht ändern oder verbannen.

Für dich wurde die weisse Decke zur perfekten Projektionsfläche für die all die Erinnerungen, die du nicht abschütteln konntest. Für die Bilder, die dein Verstand wieder und wieder abspielte, ob du wolltest oder nicht. Ein Film in Endlosschleife.


Ein Ende mit Hoffnung?

universe-1282375_960_720Ursprünglich hätte der Text genau wie der Drabbel enden sollen, nämlich mit der Zeile:

Die Lichter der Stadt hinter dem Regen. Kleine Funken in der Dunkelheit. Wie Sterne.

Sozusagen ein kleiner Hoffnungsschimmer in all der Dunkelheit. Jedoch fand ich nach mehrmaligem Durchlesen, dass die Geschichte dadurch zu schwer, zu düster wirkte. Klar, ein ‘happy end’ wäre unpassend, aber ich wollte die mögliche Hoffnung und den trotz allem ungebrochenen Kämpferwillen der Erzählerfigur klarer herausstellen. Die abschliessende Passage mit den Linien und den farbigen Flächen entstand aus einer plötzlichen Eingebung heraus und schrieb sich geradezu von selbst – womit wir wieder bei Hemingway wären.


Bonus: Soundtrackpiano-1396971_960_720

Da ich meine Szenen oft wie kleine Filmsequenzen vor meinem inneren Auge sehe, und da nichts Stimmung besser transportiert als Musik, gibt es eigentlich für jedes noch so kleine Projekt eine Soundtrackliste.

Daher möchte ich hier zwei Songs erwähnen:

Pink, I don’t believe you
(für mich ein sehr passendes Lied zu dieser Geschichte, sowohl von der Atmosphäre als auch vom Text her)

Gabrielle Aplin, Salvation
(einfach wegen der Stimmung, und wegen der Zeile “All that I could see was white“)


Dir ist noch etwas aufgefallen? Du möchtest von einer eigenen Geschichte erzählen? Du hast eine ganz andere Interpretation, oder eine Frage? Toll, dann schreib mir doch einen Kommentar. Ich würde mich freuen 🙂


Hier gehts zurück zur Übersicht.


Quellen der verwendeten Bilder:

Zitat von Hemingway: KindOverMatter.com
Zeichnung (Fanart ^^): Mika M. Krüger
alles andere: pixabay

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